Hitschmann, Friedrich: Epigramme, (Aus dem Nachlass). In: Lecher, Zacharias Konrad (Hrsg.): An der schönen blauen Donau, Titelzusatz Beilage der »Presse«, 11. Heft, S.250. Wien, 1. Juni 1894.
Online-Version: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=asd&datum=1894&page=285&size=45
Von
Friedrich Hitschmann.
(Aus dem Nachlaß.)
Nachdruck verboten.
Vom Geiste, der in unserer Zeit lebendig,
Zu sprechen, will mir ungereimt erscheinen;
Wie? sie vereinte allen Geist beständig,
Und doch behauptet Ihr, sie hätte einen?
*
Mancher schätzt wol Geld und Gut mitnichten,
Weil er’s hat.
’s ist nicht schwer, auf’s Essen zu verzichten —
Wenn man satt.
*
Die meisten Menschen fügen gern sich drein,
Daß man wie Puppen sie an Drähten zieht,
Und bilden sich wol gar noch was d’rauf ein,
Wenn es mit gold’nen Drähten nur geschieht.
*
Nimmer wird’s des Menschen Hand gelingen,
Die Natur nach seinem Wunsch zu zwingen;
Wer die grüne Frucht vom Zweige bricht,
Der zerstört sie nur, er reift sie nicht.
*
Trägst Du die Freiheit in Dir, so kann kein Despot sie Dir rauben,
Wenn sie Dir aber gebricht, kann sie kein Gott Dir verleih’n.
*
Wann pflegt der Dumme am dümmsten zu sein? Das geschieht ohne Zweifel
Wenn er sich vornimmt, einmal recht etwas Kluges zu thun.
*
„Ganz wie ich selber,“ so sprach der Falter verdrießlich zur Biene,
„Wanderst Du rastlos und saugst Nahrung aus jeglichem Kelch.
Dennoch erscheinst Du dem Menschen als Muster des Eifers und Fleißes,
Während er meine Natur unstät und flatterhaft schilt.“
„Das ist nicht schwer zu erklären,“ versetzte die Biene. „Der Honig,
Den ich bereite, Du weißt’s, kommt ja dem Menschen zugut.“
*
Liebliches Vorrecht vor Andern genießt bei Euch Frauen der Dichter.
Was Euch in Prosa mißfällt, hört ihr in Versen doch gern.
*
Liebe ist Gnade, sie fragt nicht nach Werth und Verdienst des Geliebten,
Denn wessen Werth ist so groß, daß er die Liebe verdient?
Lieb’ ist ein Spiegel so köstlich, wie keiner auf Erden sich findet,
Wirft er Dein eigenes Bild Dir doch verschönert zurück.
*
Den niedern Menschen ist der Andern Neid,
Der Maßstab eigener Glückseligkeit.
*
Um an dem Besten sich zu freu’n,
Muß man des Besten würdig sein.
*
Die erste Liebe gleicht
Des Lenzes Blüthenpracht,
Die traurig oft verbleicht,
Im Froste einer Nacht.
*
Wer der Menschen Laster nur für Krankheit hält,
Mag in Frieden leben mit der ganzen Welt,
Aber er, der Andern jedes Fehl vergibt,
Wird auch Nachsicht zeigen, wenn er selbst es übt.
*
Vergebens strebst Du himmelan,
Wenn Du mit Flügeln nicht versehen,
Wer selbst nicht Großes schaffen kann,
Begnüge sich, es zu verstehen.
*
Wer etwas mit der Welt bekannt,
Dem ward es ohne Zweifel klar,
Das Wahre ist nicht oft pikant,
Und das Pikante selten wahr.
*
Es gibt kein ander Ding auf dieser tollen Welt,
Das man so sehr begehrt und doch so schmäht wie Geld.
*
Wenn auch das Glück nur flüchtig ist,
Was ohne Zweifel richtig ist,
Doch merke Eins, das wichtig ist:
Meist glückt es dem, der tüchtig ist.
*
Wenn Du mit Eifer willst Dich selbst studiren,
So muß ich Deinen Vorsatz höchlich loben,
Nur glaub’ Dich d’rum der Pflicht nicht überhoben,
Gegeb’nenfalls Dich kräftig zu regieren.
*
Ihr Thun nach Theorien zu gestalten,
Gelingt von allen Menschen wenigen,
Die meisten suchen ein verkehrt Verhalten
Durch Theorie nur zu beschönigen.