Hitschmann, Friedrich: Gedankensplitter. In: Lecher, Zacharias Konrad (Hrsg.): An der schönen blauen Donau, Titelzusatz Beilage der »Presse«, 9. Heft, S.200. Wien, 1. Mai 1891.

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Gedankensplitter.

Von
Friedrich Hitschmann.
Nachdruck verboten.

Die Liebe gleicht dem Veilchen,
Das im Verborgenen sprießt;
Die Liebe gleicht dem Wildbach,
Der sich vom Felsen ergießt;
Sie gleicht der Sonnenscheibe,
Sie gleicht dem Mondenlicht,
Sie gleicht — sagt an ihr Dichter,
Wem gleicht die Liebe nicht?

*

Sobald die Dichter von der Liebe reden,
Sind sie an Bildern und Vergleichen reich;
Mich dünkt, sie ist dem alten Gott der Juden,
Das heißt, wie dieser, nur sich selber gleich.

*

Es ist die Frau ein Räthsel der Natur,
Dem Jeder gerne käme auf die Spur,
Doch statt in ihren Geist sich zu verlieren,
Begnügt man sich, den Körper zu studieren.

*

Der Mann ist der Begehrende,
Die Frau die Widerstehende,
Doch wird sie die Gewährende,
Wird er leicht der Verschmähende.

*

Die Frau gleicht manchem Gift der Medicin,
Wer sie gewohnt, siecht ohne sie dahin.

*

Des Mannes Stärke liegt im Wagen,
Die Kraft der Frau ist das Ertragen,
Der Mann erringt des Glückes Huld,
Die Frau erringt sie durch Geduld.

*

Der Heuchler täuscht so lang die Welt,
Bis er sich selbst für ehrlich hält.

*

Beglückt, wer mit dem Rosenband
Der Sitte anmuthvoll sich schmückt,
Doch wehe Dem, auf dessen Hand
Sie lastend nur als Fessel drückt.

*

Was Du besitzst, mag werthlos Dir erscheinen,
Wenn Du’s verlierst, wirst Du es doch beweinen.

*

Uns Pessimisten wollt' Ihr bekehren,
Vergebens verschwendet Ihr Mühe und Fleiß,
Ihr werdet uns keines Bessern belehren,
Denn schon unser Dasein ist unser Beweis.

*

Was Du in Dir selbst nicht hast,
Suchst Du außer Dir vergebens,
Denn das Leben um Dich her,
Ist nur Bild des innern Lebens.

*

Vor des Schicksals eh’rnen Speichen
Muß die Kraft des Menschen weichen,
Doch es ist ihm wohl gegeben,
Ueber sein Schicksal sich zu erheben.

*

Ob wir die Zeiten selbst gestalten,
Ob wir durch sie gestaltet sind,
Du bist der Vater Deiner Kinder
Und bist auch Deines Vaters Kind.

*

Am meisten wird der Dilettant
Vom Zauber echter Kunst entzückt,
Denn was er ahnend voremfand,
Sieht er hier lichtvoll ausgedrückt.

*

Gott und Unsterblichkeit, Du hältst sie für entbehrlich,
Wol magst Du weise sein, doch glücklich bist Du schwerlich.

*

Nicht mehr zu sagen, als man wirklich weiß,
Ist eine Ford’rung, die gering erscheint,
Doch ist es schon weit schwerer, als man meint,
Zu wissen, was man denn im Grunde weiß?

*

Der Nutzen ist es und der allein,
Um den ihr keucht und schwitzt,
Daß aber fiel wol nie euch ein,
Wozu denn der Nutzen nützt?

*

Erinnerung wird oft ein Paradies genannt,
Aus dem kein Gott im Zorn den Sterblichen verbannt,
Das ist, als wollte man zum Trost in Hungers Qualen
Mit Speisen reich besetzt Dir eine Tafel malen.

*

Zwei mächtige Kräfte nähren
Des Daseins Brand beständig,
Genießen und Entbehren,
Durch sie nur sind wir lebendig.

*

Was in den Tiefen der Geschichte gährt,
Das ist des Liedes edler Dichter werth,
Doch was sich in der Stadt begeben hat,
Liest man bequem in jedem Zeitungsblatt.

*

Der Genius kennt die Gesetze nicht,
Weil er sich selber die Gesetze schafft,
Doch glaube nicht, wer das Gesetz durchbricht,
Beweise dadurch geniale Kraft.

*

Wer immer strebend sich bemüht,
Den preiset warm des Dichters Lied,
Doch wer stets mühsam sich bestrebt,
Der hat gefrohnt und nicht gelebt.

*

Wem das Geschick die Freude
An Lenz und Liebe geraubt,
Der ist nur eine Leiche,
Und wenn er’s selber nicht glaubt.

*

Die Frauen haben ihre Fehler;
Wer könnte die wol übersehen?
Doch wollt’ man ihnen diese nehmen,
Wär’s auch um ihren Reiz geschehen.

*

Ein Herz, das alle Welt umschließt,
Ist wahrlich nicht zu beneiden,
Weil es mit Wenigen nur genießt,
Und ach, mit Vielen muß leiden.

*

Von hundert Leuten hab’ ich schon gehört,
Es sei das Leben nicht des Lebens werth;
Wie kommt es nun, daß Alle diese nicht,
Schon längst verschwunden sind vom Sonnenlicht?
Das macht, man liebt wol die Sentenzen,
Allein man scheut die Consequenzen.