Hitschmann, Friedrich: Parabel. Der Einsame. (Aus dem Nachlass). In: Lecher, Zacharias Konrad (Hrsg.): An der schönen blauen Donau, Titelzusatz Beilage der »Presse«, 15. Heft, S.357. Wien, 1. August 1894.
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Von
Friedrich Hitschmann.
(Aus dem Nachlaß.)
Nachdruck verboten.
Durch die üppig wuchernde Wildniß des Urwalds, weit, weitab
von dem lärmenden Getriebe der Menschen, schritt müden Fußes ein
Wanderer dahin. Da er auf eine öde Waldblüße hinanstrat, sah er
dicht vor sich den bunt schillernden Leib einer Giftschlange, die auf
einem bemoosten Felsstück lag und sich behaglich sonnte. Ohne zu
erschrecken, wich er zur Seite, aber nur so weit als nöthig schien, um
nicht auf sie zu treten und wollte vorbei. „Fürchtest Du Dich nicht
vor mir?“ fragte sie, das Haupt mit den funkelnden Augen nach ihm
hin gewendet. „Nein,“ versetzte er, „denn mir liegt nichts am Leben.“
„Woher kommst Du?“ — „Aus der Welt.“ „Und wohin willst Du?“
„In die Einsamkeit.“ — „Dann bleibe bei mir,“ sagte die Schlange,
„denn ich bin in gleicher Lage. Die Natur hat mich mit tödtlichem
Gift ausgestattet, und weil ich diese meine Waffe gebrauchte, wie
jedes Geschöpf die seinige, ward ich allgemein verabscheut und
gemieden, darum bin ich in die Einsamkeit geflohen.“ „Das ist nicht
mein Fall,“ versetzte der Mensch, wandte sich hinweg und zog seines
Weges weiter.
Es währte nicht lange, da flatterte, von dem Geräusch seiner
Tritte aufgeschreckt, eine Nachteule aus ihrem Versteck empor, schlug
ängstlich mit den breiten Schwingen und machte unbeholfene Versuche,
sich zu verbergen. „Fürchte Dich nicht,“ sprach der Mensch, „von mir
droht Dir keine Gefahr; mein Sinn steht nicht auf Jagd und Beute,
was ich suche, ist einzig die Einsamkeit.“ „Dann bleibe bei mir,“
sagte der Vogel zutraulich werdend, denn ich bin in gleicher Lage.
Das grelle, blendende Licht des Tages, das alle Wesen begierig suchen,
ist meinem Auge unerträglich, und weil sie mich darob anfeinden und
verhöhnen, darum bin ich in die Einsamkeit geflohen.“ „Auch das
ist nicht mein Fall,“ sprach der Mensch, wandte sich abermals und
schritt von dannen.
Endlich, die Sonne war bereits untergegangen, gelangte er an
ein Dickicht, das ein klares Wasser umsäumte und aus dem ihm
schmerzliches Stöhnen entgegenklang. Er folgte dem Klagelaut und
fand einen prächtigen Hirsch, der hilflos auf dem Boden lag und den
Grund mit seinem Blute färbte. „Schone mich,“ bat das edle Thier,
indem es ihn aus brechenden Augen anstarrte, „denn ich trage den
tödtlichen Pfeil des Jägers in der Brust, und nur um meine Todes-
qual fremden Blicken zu verbergen, bin ich in diese Einsamkeit
geflohen.“ „Das ist mein Fall,“ rief der Mensch schmerzlich aus, „laß
mich bei Dir bleiben, mit Dir leiden und sterben“ — und er warf
sich ins Gras und weinte.