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| friedrich_hitschmann_-_annette_freiin_v_droste-huelshoff [2026/05/26 08:20] – Daniel Schönfeld | friedrich_hitschmann_-_annette_freiin_v_droste-huelshoff [2026/05/26 09:10] (aktuell) – Daniel Schönfeld |
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| „Man pflegt die Droste die größte deutsche Dichterin zu nennen. Mich dünkt dies eingeschränkte Lob viel zu bescheiden, ich möchte es in ein absolutes verwandeln und sie die größte Dichterin aller Länder und aller Zeiten nennen, von denen wir wissen. Auf dem Gebiet der Poesie in metrischer Form weiß ich in den mir zugänglichen Literaturen keine Frau, die der Droste an die Seite zu stellen wäre.“ | „Man pflegt die Droste die größte deutsche Dichterin zu nennen. Mich dünkt dies eingeschränkte Lob viel zu bescheiden, ich möchte es in ein absolutes verwandeln und sie die größte Dichterin aller Länder und aller Zeiten nennen, von denen wir wissen. Auf dem Gebiet der Poesie in metrischer Form weiß ich in den mir zugänglichen Literaturen keine Frau, die der Droste an die Seite zu stellen wäre.“ |
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| An sich genommen ist dieser Ausspruch, den auch Levin Schücking, der Freund Annettens, gleichsam als Motto an die Spitze ihres von ihm entworfenen Lebensbildes stellt, gewiß richtig, aber abgesehen davon, daß es immer mißlich bleibt, die Größe einzelner Autoren an jener der anderen zu messen, scheint mir das citierte Urtheil auch keineswegs das Charakteristische am Wesen unserer Dichterin hervorgehoben. Die Droste darf nämlich durchaus nicht als schriftstellernde Frau aufgefaßt werden; ihr Talent ist vielmehr so streng und gediegen, daß man es eher als spezifisch männlich bezeichnen sollte — ein Punkt, den ich bei ihrem Biographen Vater Kreiten zwar gelegentlich erwähnt, aber lange nicht mit dem genügenden Nachdruck betont finde. Am treffendsten scheint mir noch in dieser Hinsicht der Ausspruch der geistreichen Elise v. Hohenhausen, welche den Eindruck der Droste’schen Dichtungen mit jenem herben Dufte vergleicht, der harzreichen Fichtenwaldungen an Sommertagen zu entströmen pflegt. | An sich genommen ist dieser Ausspruch, den auch Levin Schücking, der Freund Annettens, gleichsam als Motto an die Spitze ihres von ihm entworfenen Lebensbildes stellt, gewiß richtig, aber abgesehen davon, daß es immer mißlich bleibt, die Größe einzelner Autoren an jener der anderen zu messen, scheint mir das citierte Urtheil auch keineswegs das Charakteristische am Wesen unserer Dichterin hervorgehoben. Die Droste darf nämlich durchaus nicht als schriftstellernde Frau aufgefaßt werden; ihr Talent ist vielmehr so streng und gediegen, daß man es eher als specifisch männlich bezeichnen sollte — ein Punkt, den ich bei ihrem Biographen Pater Kreitner zwar gelegentlich erwähnt, aber lange nicht mit dem genügenden Nachdruck betont finde. Am treffendsten scheint mir noch in dieser Hinsicht der Ausspruch der geistvollen Elise v. Hohenhausen, welche den Eindruck der Droste’schen Dichtungen mit jenem herben Dufte vergleicht, der harzreichen Fichtenwaldungen an Sommertagen zu entströmen pflegt. |
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| Diesen Grundzug ihres Wesens hat Annette wohl zum Teil ihrer Heimat zu verdanken, jenem urwüchsig kräftigen Westphalen, dessen Bewohner Heine irgendwo mit genialer Prägnanz als sentimentale Eichen bezeichnet; wäre man nicht gewohnt, mit dem Ausdruck „Sentimentalität“ den Nebensinn von etwas Gemachtem und darum Lächerlichem zu verbinden, so würde dieses glückliche Wort auch das Wesen unserer Dichterin erschöpfend charakterisieren. | Diesen Grundzug ihres Wesens hat Annette wohl zum Theil ihrer Heimat zu verdanken, jenem urwüchsig kräftigen Westphalen, dessen Bewohner Heine irgendwo mit genialer Prägnanz als sentimentale Eichen bezeichnet; wäre man nicht gewohnt, mit dem Ausdruck „Sentimentalität“ den Nebensinn von etwas Gemachtem und darum Lächerlichem zu verbinden, so würde dieses glückliche Wort auch das Wesen unserer Dichterin erschöpfend charakterisieren. |
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| Dieser Einfluß ihres Landes zeigt sich zunächst in dem ernsten, echt männlichen Patriotismus, der sie beseelt, und dem sie in mannigfachster Form poetischen Ausdruck gegeben hat. Schon unter den ersten Gedichten, die uns aus ihrer Jugend erhalten sind, findet sich eines, „Das befreite Deutschland“, welches, mag es auch zu sehr an Schillers und Körners Lyrik anklingen, um für originell gelten zu können, doch von der brennenden Vaterlandsliebe des Mädchens beredte Kunde gibt. | Dieser Einfluß ihres Landes zeigt sich zunächst in dem ernsten, echt männlichen Patriotismus, der sie beseelt, und dem sie in mannigfachster Form poetischen Ausdruck gegeben hat. Schon unter den ersten Gedichten, die uns aus ihrer Jugend erhalten sind, findet sich eines, „Das befreite Deutschland“, welches, mag es auch zu sehr an Schillers und Körners Lyrik anklingen, um für originell gelten zu können, doch von der brennenden Vaterlandsliebe des Mädchens beredte Kunde gibt. |
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| Später versenkte sie sich in einen großen Aufsatz „Culturbilder aus Westphalen“, den sie für ein von Schücking redigiertes Sammelwerk schrieb, und in der reizenden fragmentarischen Skizze „Bei uns zu Lande auf dem Lande“ mit liebevoller Detailmalerei in die Schilderung ihrer Heimat; lyrisch verwertete sie die gleichen Eindrücke in den „Haidebildern“ und zum Teil in den „Zeitbildern“, worin sie etwa für die Gastlichkeit ihrer Landsgenossen mit schönem Eifer eintritt, während sie in den „Balladen“ auf die sagenhafte, und in der „Schlacht am Loehner Bruch“ auf die historische Vergangenheit ihres Landes zurückgreift. | Später versenkte sie sich in einen großen Aufsatz „Culturbilder aus Westphalen“, den sie für ein von Schücking redigiertes Sammelwerk schrieb, und in der reizenden fragmentarischen Skizze „Bei uns zu Lande auf dem Lande“ mit liebevoller Detailmalerei in die Schilderung ihrer Heimat; lyrisch verwertete sie die gleichen Eindrücke in den „Haidebildern“ und zum Theil in den „Zeitbildern“, worin sie etwa für die Gastlichkeit ihrer Landsgenossen mit schönem Eifer eintritt, während sie in den „Balladen“ auf die sagenhafte, und in der „Schlacht am Loehner Bruch“ auf die historische Vergangenheit ihres Landes zurückgreift. |
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| Den Gegenstand all dieser Schilderungen auf das genaueste kennen zu lernen, dazu bot ihr ein wohlangewandtes, zum größten Theil in der Einsamkeit westphälischer Edelhöfe verbrachtes Leben überreiche Gelegenheit — eine Isolierung, welche im Verein mit steter Kränklichkeit nicht wenig zur Entwicklung jenes männlich-harten Zuges in ihrem Wesen beigetragen haben dürfte. Noch mehr aber ward die Entfaltung dieser Anlage dadurch gefördert, daß sie mit ihren Brüdern gemeinsam erzogen und so eines fast gelehrten Unterrichts theilhaft wurde. Als junges Mädchen trieb sie mit großem Eifer das Studium lateinischer Dichter und schrieb schon mit zwölf Jahren ein Gedicht „Der Abend“ in tadellosen Hexametern, was mir umsomehr auf den Einfluß der alten Klassiker hinzuweisen scheint, als sie sich später dieser Form in keinem ihrer zahlreichen Gedichte mehr bedient. Auch das Griechische war ihr nicht fremd und unter den modernen Sprachen beherrschte sie, von Hoch- und Plattdeutschem abgesehen, mehr oder weniger das Französische, Italienische, Englische und Holländische. | Den Gegenstand all dieser Schilderungen auf das genaueste kennen zu lernen, dazu bot ihr ein wohlangewandtes, zum größten Theil in der Einsamkeit westphälischer Edelhöfe verbrachtes Leben überreiche Gelegenheit — eine Isolierung, welche im Verein mit steter Kränklichkeit nicht wenig zur Entwicklung jenes männlich-harten Zuges in ihrem Wesen beigetragen haben dürfte. Noch mehr aber ward die Entfaltung dieser Anlage dadurch gefördert, daß sie mit ihren Brüdern gemeinsam erzogen und so eines fast gelehrten Unterrichts theilhaft wurde. Als junges Mädchen trieb sie mit großem Eifer das Studium lateinischer Dichter und schrieb schon mit zwölf Jahren ein Gedicht „Der Abend“ in tadellosen Hexametern, was mir umsomehr auf den Einfluß der alten Classiker hinzuweisen scheint, als sie sich später dieser Form in keinem ihrer zahlreichen Gedichte mehr bedient. Auch das Griechische war ihr nicht fremd und unter den modernen Sprachen beherrschte sie, von Hoch- und Plattdeutschem abgesehen, mehr oder weniger das Französische, Italienische, Englische und Holländische. |
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| Die Wissenschaften pflegte sie mit Lust, legte wertvolle archäologische Sammlungen an und entwickelte auf dem Gebiete der Mineralogie eine so rege Thätigkeit, daß ihr Diener auf die Frage, womit das Fräulein denn den ganzen Tag über beschäftigt sei, die lakonische Antwort ertheilen konnte: „Sie klopft Steine.“ | Die Wissenschaften pflegte sie mit Lust, legte wertvolle archäologische Sammlungen an und entwickelte auf dem Gebiete der Mineralogie eine so rege Thätigkeit, daß ihr Diener auf die Frage, womit das Fräulein denn den ganzen Tag über beschäftigt sei, die lakonische Antwort ertheilen konnte: „Sie klopft Steine.“ |
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| Auch in der Musik und Zeichenkunst versuchte sie sich mit Glück und componierte selbst eine große Anzahl eigener und fremder Liederteste. Ihr Hauptaugenmerk aber blieb stets auf die Poesie gerichtet, wie sie denn auch mit vielen bedeutenden Literaten ihrer Zeit in persönlicher Beziehung stand, so Uhland, Grimm, Justinus Kerner und Levin Schücking, welch letzteren sie lange protegierte. | Auch in der Musik und Zeichenkunst versuchte sie sich mit Glück und componierte selbst eine große Anzahl eigener und fremder Liedertexte. Ihr Hauptaugenmerk aber blieb stets auf die Poesie gerichtet, wie sie denn auch mit vielen bedeutenden Literaten ihrer Zeit in persönlicher Beziehung stand, so Uhland, Grimm, Justinus Kerner und Levin Schücking, welch letzteren sie lange protegierte. |
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| Unter ihren Verwandten gab es mehrere Künstler und Gelehrte von Ruf, und Graf Loßberg, der bekannte Sammler mittelhochdeutscher Handschriften, war der Gatte ihrer Schwester. Dieser unterstützte sie auch in ihren Bemühungen um das deutsche Volkslied, dessen Ton sie so glücklich zu treffen verstand, daß selbst ein Kenner wie Professor Schlüter in Münster das von ihr in die „Schlacht am Loehner Bruch“ eingelegte Reiterlied für ein wirkliches Product des dreißigjährigen Krieges hielt. | Unter ihren Verwandten gab es mehrere Künstler und Gelehrte von Ruf, und Graf Laßberg, der bekannte Sammler mittelhochdeutscher Handschriften, war der Gatte ihrer Schwester. Dieser unterstützte sie auch in ihren Bemühungen um das deutsche Volkslied, dessen Ton sie so glücklich zu treffen verstand, daß selbst ein Kenner wie Professor Schlüter in Münster das von ihr in die „Schlacht am Loehner Bruch“ eingelegte Reiterlied für ein wirkliches Product des dreißigjährigen Krieges hielt. |
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| Das Männliche in dem Charakter Annettens v. Droste, welches ich aus ihrer Heimat, ihrer Lebensweise und ihrem Bildungsgange zu erklären gesucht habe, kommt in allen ihren Dichtungen zum Ausdruck, und zwar sowohl in der Wahl ihrer Stoffe, als in ihrer eigenthümlichen Art dieselben aufzufassen und zu behandeln. Da ist vor allem die „Schlacht am Loehner Bruch“, wie ich glaube, das bedeutendste Werk unserer Dichterin, worin das bewegte Leben des dreißigjährigen Krieges mit ebensoviel Wahrheit und Realismus als poetischer Tiefe geschildert wird. Ich enthalte mich jeder eingehenden Analyse, denn die Werke der Droste gehören zu denjenigen, die gelesen werden müssen — und begnüge mich damit, auf den trotz seiner Knappheit wunderbar anschaulichen Stil aufmerksam zu machen. Da heißt es etwa von einem lauernden Soldaten: „So reglos lag er wie ein Stamm“ oder von einem jungen, feurigen Reiter: „so reiten dreiundzwanzig Jahr“, und ein Regiment wird in unübertrefflicher Kürze mit den Worten charakterisiert: | Das Männliche in dem Charakter Annettens v. Droste, welches ich aus ihrer Heimat, ihrer Lebensweise und ihrem Bildungsgange zu erklären gesucht habe, kommt in allen ihren Dichtungen zum Ausdruck, und zwar sowohl in der Wahl ihrer Stoffe, als in ihrer eigenthümlichen Art dieselben aufzufassen und zu behandeln. Da ist vor allem die „Schlacht am Loehner Bruch“, wie ich glaube, das bedeutendste Werk unserer Dichterin, worin das bewegte Leben des dreißigjährigen Krieges mit ebensoviel Kühnheit und Realismus als poetischer Tiefe geschildert wird. Ich enthalte mich jeder eingehenden Analyse, denn die Werke der Droste gehören zu denjenigen, die gelesen werden müssen — und begnüge mich damit, auf den trotz seiner Knappheit wunderbar anschaulichen Stil aufmerksam zu machen. Da heißt es etwa von einem lauernden Soldaten: „So reglos lag er wie ein Stamm“ oder von einem jungen, feurigen Reiter: „so reiten dreiundzwanzig Jahr“, und ein Regiment wird in unübertrefflicher Kürze mit den Worten charakterisiert: |
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| „Pistolen sie im Gürtel führten\\ | „Pistolen sie im Gürtel führten\\ |
| und trafen, wenn sie galoppirten,\\ | Und trafen, wenn sie galoppirten,\\ |
| sie plünderten mit Höflichkeit\\ | Sie plünderten mit Höflichkeit\\ |
| und kamen drum noch immer weit.“ | Und kamen drum nicht minder weit.“ |
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| Eine solche Sprache läßt an Präcision wohl nichts zu wünschen übrig, und doch genügte sie der Droste nicht, denn in einem Brief an ihren Freund Schlüter erklärte sie ausdrücklich, „es sei alles zu weich und zu breit gerathen, da müsse noch eine Scheere hinein, und zwar eine tüchtige Heckenscheere.“ | Eine solche Sprache läßt an Präcision wohl nichts zu wünschen übrig, und doch genügte sie der Droste nicht, denn in einem Brief an ihren Freund Schlüter erklärte sie ausdrücklich, „es sei alles zu weich und zu breit gerathen, da müsse noch eine Scheere hinein, und zwar eine tüchtige Heckenscheere.“ |
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| Ähnliche Unerbittlichkeit legt sie einem anderen kleinen Epos, dem „Hospiz auf dem heiligen St. Bernhard“, gegenüber an den Tag. Dort erzählt sie, wie ein Greis mit seinem Enkel in strenger Winterkälte über den gefährlichen Berg wandern muß und dabei erstarrt im Schnee liegen bleibt. Das Kind wird durch den berühmten Bernhardinerhund „Parting“ gerettet, und auch den leblosen Körper des Alten schaffen die hilfreichen Mönche nach dem Kloster. | Ähnliche Unerbittlichkeit legt sie einem anderen kleinen Epos dem „Hospiz auf dem heiligen St. Bernhard“ gegenüber an den Tag. Dort erzählt sie, wie ein Greis mit seinem Enkel in strenger Winterkälte über den gefährlichen Berg wandern muß und dabei erstarrt im Schnee liegen bleibt. Das Kind wird durch den berühmten Bernhardinerhund Barring gerettet, und auch den leblosen Körper des Alten schaffen die hilfreichen Mönche nach dem Kloster. |
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| In einem letzten Theile der Dichtung sollte dann berichtet werden, wie es den Bemühungen der Brüder gelingt, auch den bereits für todt gehaltenen Greis ins Leben zurückzurufen. Aber obwohl dieser dritte Gesang bereits zum großen Theil vollendet war und sogar einige künstlerisch ausgezeichnete Partien enthielt, besonders die prächtige Schilderung eines Sonntagmorgens auf dem Lande, wurde er doch von der Dichterin unbarmherzig unterdrückt, weil es ihr widerstrebte, dem Ganzen einen milden oder, wie sie meinte, weichlichen Abschluß zu geben. | In einem letzten Theile der Dichtung sollte dann berichtet werden, wie es den Bemühungen der Brüder gelingt, auch den bereits für todt gehaltenen Greis ins Leben zurückzurufen. Aber obwohl dieser dritte Gesang bereits zum großen Theil vollendet war und sogar einige stilistisch ausgezeichnete Partien enthielt, besonders die prächtige Schilderung eines Sonntagmorgens auf dem Lande, wurde er doch von der Dichterin unbarmherzig unterdrückt, weil es ihr widerstrebte, dem Ganzen einen milden oder, wie sie meinte, weichlichen Abschluß zu geben. |
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| Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Verfasserin dieses Werk noch vor ihrer Schweizerreise schrieb und gleichwohl bloß auf Grundlage eifrig eingezogener Erkundigungen die majestätische Bergwelt, welche den Hintergrund der Erzählung bildet, mit wunderbarer Anschaulichkeit geschildert hat — ganz wie seinerzeit Schiller in „Wilhelm Tell“ ein überaus treues Bild der Schweiz entwarf, obwohl er das Land nur aus der Chronik des Aegidius Tschudi kennen gelernt hatte. In demselben Geiste ist die Sage vom „Spiritus familiaris“ der gleichnamigen Dichtung und in „Des Arztes Vermächtnis“ ein psychologisches oder, wenn man will, pathologisches Problem behandelt, welch letzteres schon um seiner kühnen Paradoxie willen weit eher auf einen männlichen als einen weiblichen Autor schließen ließe. | Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Verfasserin dieses Werk noch vor ihrer Schweizerreise schrieb und gleichwohl bloß auf Grundlage eifrig eingezogener Erkundigungen die majestätische Bergwelt, welche den Hintergrund der Erzählung bildet, mit wunderbarer Anschaulichkeit geschildert hat — ganz wie seinerzeit Schiller in „Wilhelm Tell“ ein überaus treues Bild der Schweiz entwarf, obwohl er das Land nur aus der Chronik des Ägidius Tschudi kennen gelernt hatte. In demselben Geiste ist die Sage vom „Spiritus familiaris“ der gleichnamigen Dichtung und in „Des Arztes Vermächtnis“ ein psychologisches oder, wenn man will, pathologisches Problem behandelt, welch letzteres schon um seiner kühnen Paradoxie willen weit eher auf einen männlichen als einen weiblichen Autor schließen ließe. |
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| Als letztes Glied in dieser Gruppe habe ich noch der Novelle „Die Judenbuche“ zu gedenken, welche durch ihre scharfe, man möchte sagen, geschliffene Prosa an die Darstellung Heinrich v. Kleists gemahnt. Hier wie dort drängt sich häufig eine Reihe kurzer Sätze, die den Leser beständig in Athem erhalten; hier wie dort finden sich eine Menge kühner, oft sehr glücklicher Neubildungen und besonders gleichen sich beide Autoren darin, daß sie muthig all jene kleinen technischen Hilfsmittel verschmähen, durch welche der Alltagsgeschichtler seine Effekte erzielt, so daß wir bei der Lectüre den Eindruck haben, daß es dem Schriftsteller nicht um sich und seine Darstellung, sondern nur um das zu thun sei, was er erzählt. | Als letztes Glied in dieser Gruppe habe ich noch der Novelle „Die Judenbuche“ zu gedenken, welche durch ihre scharfe, man möchte sagen, geschliffene Prosa an die Darstellung Heinrich v. Kleists gemahnt. Hier wie dort drängt sich häufig eine Reihe kurzer Sätze, die den Leser beständig in Athem erhalten; hier wie dort finden sich eine Menge kühner, oft sehr glücklicher Neubildungen und besonders gleichen sich beide Autoren darin, daß sie muthig all jene kleinen technischen Hilfsmittel verschmähen, durch welche der Alltagsgeschichtler seine Effecte erzielt, so daß wir bei der Lectüre den Eindruck haben, daß es dem Schriftsteller nicht um sich und seine Darstellung, sondern nur um das zu thun sei, was er erzählt. |
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| Mit dem „Michael Kohlhaas“ hat die „Judenbuche“ übrigens auch das gemein, daß auch sie von einem in alten Tagen wirklich verübten Verbrechen berichtet, und die Begebenheiten mit größter historischer Treue, besonders unter sorgfältiger Wahrung des Localcolorits dem Leser vor Augen führt; daß das alles weit eher männliche als weibliche Vorzüge sind, brauche ich wohl kaum noch zu betonen. | Mit dem „Michael Kohlhaas“ hat die „Judenbuche“ übrigens auch das gemein, daß auch sie von einem in alten Tagen wirklich verübten Verbrechen berichtet, und die Begebenheiten mit größter historischer Treue, besonders unter sorglicher Wahrung des Localcolorits dem Leser vor Augen führt; daß das alles weit eher männliche als weibliche Vorzüge sind, brauche ich wohl kaum noch zu betonen. |
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| Am wenigsten sie selbst ist die Droste in dem „Geistlichen Jahr“, einer Sammlung von frommen Liedern und Betrachtungen, welche allerdings zum Theil in der Reconvalescenz nach einer schweren Krankheit, zum Theil kurz vor ihrem Tode, also zu einer Zeit entstanden, wo sie von schweren körperlichen Leiden gequält wurde. Ganz abgesehen davon, ob man den religiösen Standpunkt der Verfasserin theilt oder nicht, muß man zugeben, daß die unnatürlich herbe Askese, die an vielen Stellen dieser Lieder ausgesprochen ist, keine künstlerische, d. h. harmonische Gesammtwirkung aufkommen läßt. | Am wenigsten sie selbst ist die Droste in dem „Geistlichen Jahr“, einer Sammlung von frommen Liedern und Betrachtungen, welche allerdings zum Theil in der Reconvalescenz nach einer schweren Krankheit, zum Theil kurz vor ihrem Tode, also zu einer Zeit entstanden, wo sie von schweren körperlichen Leiden gequält wurde. Ganz abgesehen davon, ob man den religiösen Standpunkt der Verfasserin theilt oder nicht, muß man zugeben, daß die unnatürlich herbe Ascese, die an vielen Stellen dieser Lieder ausgesprochen ist, keine künstlerische, d. h. harmonische Gesammtwirkung aufkommen läßt. |
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| Aber in dieser Askese selbst liegt so viel Energie und Consequenz, daß wir auch in diesem Producte den männlichen Grundzug ihres Wesens wiedererkennen und so darf ich, um die geniale Frau in wenigen Worten zu charakterisieren, mich wohl auf den Ausspruch berufen, durch welchen seinerzeit Napoleon den größten deutschen Dichter ehrte, ich meine den berühmten Ausspruch: „Voilà un homme!“ | Aber in dieser Ascese selbst liegt so viel Energie und Consequenz, daß wir auch in diesem Producte den männlichen Grundzug ihres Wesens wiedererkennen und so darf ich, um die geniale Frau in wenigen Worten zu charakterisieren, mich wohl auf den Ausspruch berufen, durch welchen seinerzeit Napoleon den größten deutschen Dichter ehrte, ich meine den berühmten Ausspruch: „Voilà un homme!“ |
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| **Friedrich Hitschmann.** | **Friedrich Hitschmann.** |
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