friedrich_hitschmann_-_parabel_der_einsame
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| + | ===== Parabel. ===== | ||
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| + | ==== Der Einsame. ==== | ||
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| + | Von\\ | ||
| + | **Friedrich Hitschmann.** \\ | ||
| + | <font 12px/ | ||
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| + | Durch die üppig wuchernde Wildniß des Urwalds, weit, weitab\\ | ||
| + | von dem lärmenden Getriebe der Menschen, schritt müden Fußes ein\\ | ||
| + | Wanderer dahin. Da er auf eine öde Waldblüße hinanstrat, sah er\\ | ||
| + | dicht vor sich den bunt schillernden Leib einer Giftschlange, | ||
| + | einem bemoosten Felsstück lag und sich behaglich sonnte. Ohne zu\\ | ||
| + | erschrecken, | ||
| + | nicht auf sie zu treten und wollte vorbei. „Fürchtest Du Dich nicht\\ | ||
| + | vor mir?“ fragte sie, das Haupt mit den funkelnden Augen nach ihm\\ | ||
| + | hin gewendet. „Nein,“ versetzte er, „denn mir liegt nichts am Leben.“\\ | ||
| + | „Woher kommst Du?“ — „Aus der Welt.“ „Und wohin willst Du?“\\ | ||
| + | „In die Einsamkeit.“ — „Dann bleibe bei mir,“ sagte die Schlange,\\ | ||
| + | „denn ich bin in gleicher Lage. Die Natur hat mich mit tödtlichem\\ | ||
| + | Gift ausgestattet, | ||
| + | jedes Geschöpf die seinige, ward ich allgemein verabscheut und\\ | ||
| + | gemieden, darum bin ich in die Einsamkeit geflohen.“ „Das ist nicht\\ | ||
| + | mein Fall,“ versetzte der Mensch, wandte sich hinweg und zog seines\\ | ||
| + | Weges weiter. | ||
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| + | Es währte nicht lange, da flatterte, von dem Geräusch seiner\\ | ||
| + | Tritte aufgeschreckt, | ||
| + | ängstlich mit den breiten Schwingen und machte unbeholfene Versuche,\\ | ||
| + | sich zu verbergen. „Fürchte Dich nicht,“ sprach der Mensch, „von mir\\ | ||
| + | droht Dir keine Gefahr; mein Sinn steht nicht auf Jagd und Beute,\\ | ||
| + | was ich suche, ist einzig die Einsamkeit.“ „Dann bleibe bei mir,“\\ | ||
| + | sagte der Vogel zutraulich werdend, denn ich bin in gleicher Lage.\\ | ||
| + | Das grelle, blendende Licht des Tages, das alle Wesen begierig suchen,\\ | ||
| + | ist meinem Auge unerträglich, | ||
| + | verhöhnen, darum bin ich in die Einsamkeit geflohen.“ „Auch das\\ | ||
| + | ist nicht mein Fall,“ sprach der Mensch, wandte sich abermals und\\ | ||
| + | schritt von dannen. | ||
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| + | Endlich, die Sonne war bereits untergegangen, | ||
| + | ein Dickicht, das ein klares Wasser umsäumte und aus dem ihm\\ | ||
| + | schmerzliches Stöhnen entgegenklang. Er folgte dem Klagelaut und\\ | ||
| + | fand einen prächtigen Hirsch, der hilflos auf dem Boden lag und den\\ | ||
| + | Grund mit seinem Blute färbte. „Schone mich,“ bat das edle Thier,\\ | ||
| + | indem es ihn aus brechenden Augen anstarrte, „denn ich trage den\\ | ||
| + | tödtlichen Pfeil des Jägers in der Brust, und nur um meine Todes-\\ | ||
| + | qual fremden Blicken zu verbergen, bin ich in diese Einsamkeit\\ | ||
| + | geflohen.“ „Das ist mein Fall,“ rief der Mensch schmerzlich aus, „laß\\ | ||
| + | mich bei Dir bleiben, mit Dir leiden und sterben“ — und er warf\\ | ||
| + | sich ins Gras und weinte. | ||
friedrich_hitschmann_-_parabel_der_einsame.1780172047.txt.gz · Zuletzt geändert: 2026/05/30 20:14 von Daniel Schönfeld