Friedrich Hitschmann

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Hitschmann, Friedrich: Parabeln. I. „Mesallicance“. – II. „Ein Rangstreit“. – III. „Fortuna's Sendung“. In: Lecher, Zacharias Konrad (Hrsg.): An der schönen blauen Donau, Titelzusatz Beilage der »Presse«, 2. Heft, S.29. Wien, 15. Januar 1893.

Online-Version: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=asd&datum=1893&page=37&size=45

Parabeln.

Von
Friedrich Hitschmann.
Nachdruck verboten

I. Mesalliance.

Der Hochmuth wollte sich beweiben, und weil er dem Grundsatz huldigte, für ihn sei das Beste gerade gut genug, hielt er getrost um die Hand der Wahrheit an. Diese erhabene Göttin war, seit die Welt steht, allenthalben verkannt und ignoriert, wo nicht gar geschmäht und verfolgt worden, und so mußte sie die Verbindung mit einem so angesehenen Manne als eine gute Partie betrachten. Freilich wurde ihr die Tyrannei des plumpen Gatten bald so unerträglich, daß sie genöthigt war, sich von ihm scheiden zu lassen, aber aus ihrer Ehe war eine Tochter hervorgegangen, welche seither herangewachsen ist und die in Folge ihrer Zwitternatur viel Verwirrung in der Welt angerichtet hat. Man nennt sie — die Buchgelehrsamkeit.

II. Ein Rangstreit.

Bei einem der glänzenden Hoffeste, wie sie Gott der Herr zeitweilig zu veranstalten liebt, sollten die Gäste in feierlichem Zuge an dem Thron ihres erhabenen Wirthes vorüberschreiten. Da geschah es, daß die Gerechtigkeit mit der Gewalt darüber in Streit gerieth, wem von ihnen der Vortritt gebühre. Vergebens suchten Viele der Anwesenden in besonnener Rede zu vermitteln; man ereiferte sich und böse Worte fielen von beiden Seiten. Die Gerechtigkeit, hartnäckig wie sie ist, war nicht zum Nachgeben zu bewegen, die Gewalt aber hielt sich kurz entschlossen damit, daß sie die Gegnerin beiseite stieß und sich selbst an deren Stelle drängte. So errang sie damals den Vorrang und ich glaube, sie behauptet ihn heute noch.

III. Fortuna’s Sendung.

Eines Tages beschied Jupiter, der stets für das Wohl seiner Geschöpfe besorgt ist, seine Lieblingstochter, die liebenswürdige Fortuna, vor sich, reichte ihr ein goldenes Horn, das die allerköstlichsten Güter in nie versiegender Fülle barg, und hieß sie damit zur Erde niedersteigen, um Lust und Wonne unter den Menschen zu verbreiten. Die Göttin that, wie ihr geheißen worden; sie durchwanderte rastlos alle Städte und Länder, schritt unermüdlich von einem Hause zum andern und bald stieg der Jubel der Beglückten in donnernden Chören zum Himmel auf. Es währte jedoch nur eine kurze Zeit, da erschien Fortuna abermals vor dem Throne Jupiters und sprach: „Du weißt, o Herr, wie eifrig ich stets bestrebt bin, Deine Zufriedenheit zu gewinnen, aber dieses Geschäft übersteigt meine Kräfte. Denn seit meine Sendung den Menschengeschlecht offenbar geworden, begehrt man mich mit fiebernder Ungeduld an tausend Orten zugleich, und wie sehr ich meinen Flug beeile, um all den Bitten und Wünschen gerecht zu werden, komme ich doch gar oft zu spät und muß viele der Erstgeborenen in ungestillter Sehnsucht nach mir dahinsiechen sehen.“ „Dein gutes Herz macht Dir Ehre,“ sprach Jupiter „und daß Du sicherlich seine Ursache mehr hast zu klagen, will ich Dir zwei Gefährtinnen beigesellen; diese sollen die Menschen ermuntern, wenn sie entmuthigt sind, Deiner zu harren und sie trösten, wenn Du sie einmal besuchtest und nur leicht lange nicht mehr die Zeit findest, zu ihnen zurückzukehren.“ Er winkte und zwei schimmerlose Genien eilten herbei, sich in den Dienst der Göttin zu stellen. Es waren die Hoffnung und die Erinnerung.

friedrich_hitschmann_-_parabeln.1780071042.txt.gz · Zuletzt geändert: 2026/05/29 16:10 von Daniel Schönfeld

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