Hitschmann, Friedrich: Gedanken über die Gesellschaft. In: Lecher, Zacharias Konrad (Hrsg.): An der schönen blauen Donau, Titelzusatz Beilage der »Presse«, 7. Heft, S.158. Wien, 1. April 1893.
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Gedanken über die Gesellschaft.
Eine halbe Wahrheit ist meist schlimmer als eine ganze Lüge.
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Die Gesellschaft gleicht einem Theater, in dem jeder Zuschauer
zugleich Schauspieler ist; wenigstens sollte es so sein.
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Wer da redet und handelt, wie kein vernünftiger Mensch an
seiner Stelle reden und handeln würde, heißt — ein Original.
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Die Gesellschaft ist eine Welt im Duodezformat; was Wunder,
daß sie so viele Dutzendmenschen enthält.
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Oft lernt man in der Einsamkeit die Gesellschaft und leider
bisweilen auch in der Gesellschaft die Einsamkeit schätzen.
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Dem Pedanten ist in Gesellschaft zu Muth, wie dem Fisch auf
dem Trockenen, oder besser, wie dem Nichtschwimmer im Wasser.
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Die Geselligkeit soll die Würze, aber nicht der Inhalt des
Lebens sein.
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Wer kann genau sagen, wo die Höflichkeit aufhört und die
Schmeichelei anfängt?
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Schmeichelei ist eine Art Weihrauch, die meistens weniger Weihe
als Rauch enthält.
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Auch das Unangenehme mit Anstand zu sagen, ist ein Prüfstein
geselliger Bildung.
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Es genügt nicht, Andere zu Worte kommen zu lassen, man muß
auch verstehen, sie reden zu machen.
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In der Gesellschaft muß Alles Freiheit scheinen und Alles Rück-
sicht sein.
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Die Langeweile gehört zu jenen Dämonen, welche erscheinen,
sobald man sie nennt.
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Selbstbewußtsein ist der halbe Erfolg; Befangenheit die ganze
Niederlage.
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Die Gesellschaft ist ein Gerichtshof, der das Recht hat, parteiisch
zu sein.
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Nichts ist schwerer als zu schmeicheln, ohne fade zu werden.
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Es liegt Geist darin, nicht merken zu lassen, daß man solchen besitzt.
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Nichts macht so dreist als die Verlegenheit.
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Es gibt Dinge, die man um so eifriger versichern muß, je weniger
aufrichtig sie gemeint sind; wenigstens fordert es so der gute Ton.
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Für viele Menschen hört die Rücksicht da auf, wo die Ver-
traulichkeit anfängt.
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Das Genie ist sich selbst genug, das Talent bedarf eines
Publicums; ja ein empfängliches Publicum kann unter Umständen
ein Talent schaffen.
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Die Gesellschaft ist wie ein Ring, den auch der köstlichste Edel-
stein sich nur einzufügen vermag, wenn er geschliffen ist.
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Die Selbstbeherrschung ist der Geselligkeit, was die Selbst-
erkenntniß der Weisheit ist.
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Warum man über Geschmacksfragen nicht streiten soll? — Weil
man dabei stets Gefahr läuft, grob zu werden.
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Wo die Argumente fehlen, nimmt der rohe Mensch zu den
Fäusten, der Gebildete zum Spott seine Zuflucht.
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Ein guter Witz vermag an der rechten Stelle viel zu nützen, an
der unrechten jedoch noch mehr zu verderben.
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Durch die Geselligkeit werden die scharfen Ecken und Kanten,
welche das Leben bildet, zwar nicht beseitigt, aber doch verborgen.
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Es ist der größte Fehler mancher Autoren, daß sie es nicht
verstehen, rechtzeitig zu schließen.
Wien.
Friedrich Hitschmann.