Friedrich Hitschmann

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friedrich_hitschmann_-_gedanken_ueber_die_gesellschaft

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 +===== Gedanken über die Gesellschaft. =====
 +
 +Eine halbe Wahrheit ist meist schlimmer als eine ganze Lüge.
 +
 +*
 +
 +Die Gesellschaft gleicht einem Theater, in dem jeder Zuschauer\\
 +zugleich Schauspieler ist; wenigstens sollte es so sein.
 +
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 +
 +Wer da redet und handelt, wie kein vernünftiger Mensch an\\
 +seiner Stelle reden und handeln würde, heißt — ein Original.
 +
 +*
 +
 +Die Gesellschaft ist eine Welt im Duodezformat; was Wunder,\\
 +daß sie so viele Dutzendmenschen enthält.
 +
 +*
 +
 +Oft lernt man in der Einsamkeit die Gesellschaft und leider\\
 +bisweilen auch in der Gesellschaft die Einsamkeit schätzen.
 +
 +*
 +
 +Dem Pedanten ist in Gesellschaft zu Muth, wie dem Fisch auf\\
 +dem Trockenen, oder besser, wie dem Nichtschwimmer im Wasser.
 +
 +*
 +
 +Die Geselligkeit soll die Würze, aber nicht der Inhalt des\\
 +Lebens sein.
 +
 +*
 +
 +Wer kann genau sagen, wo die Höflichkeit aufhört und die\\
 +Schmeichelei anfängt?
 +
 +*
 +
 +Schmeichelei ist eine Art Weihrauch, die meistens weniger Weihe\\
 +als Rauch enthält.
 +
 +*
 +
 +Auch das Unangenehme mit Anstand zu sagen, ist ein Prüfstein\\
 +geselliger Bildung.
 +
 +*
 +
 +Es genügt nicht, Andere zu Worte kommen zu lassen, man muß\\
 +auch verstehen, sie reden zu machen.
 +
 +*
 +
 +In der Gesellschaft muß Alles Freiheit scheinen und Alles Rück-\\
 +sicht sein.
 +
 +*
 +
 +Die Langeweile gehört zu jenen Dämonen, welche erscheinen,\\
 +sobald man sie nennt.
 +
 +*
 +
 +Selbstbewußtsein ist der halbe Erfolg; Befangenheit die ganze\\
 +Niederlage.
 +
 +*
 +
 +Die Gesellschaft ist ein Gerichtshof, der das Recht hat, parteiisch\\
 +zu sein.
 +
 +*
 +
 +Nichts ist schwerer als zu schmeicheln, ohne fade zu werden.
 +
 +*
 +
 +Es liegt Geist darin, nicht merken zu lassen, daß man solchen besitzt.
 +
 +*
 +
 +Nichts macht so dreist als die Verlegenheit.
 +
 +*
 +
 +Es gibt Dinge, die man um so eifriger versichern muß, je weniger\\
 +aufrichtig sie gemeint sind; wenigstens fordert es so der gute Ton.
 +
 +*
 +
 +Für viele Menschen hört die Rücksicht da auf, wo die Ver-\\
 +traulichkeit anfängt.
 +
 +*
 +
 +Das Genie ist sich selbst genug, das Talent bedarf eines\\
 +Publicums; ja ein empfängliches Publicum kann unter Umständen\\
 +ein Talent schaffen.
 +
 +*
 +
 +Die Gesellschaft ist wie ein Ring, den auch der köstlichste Edel-\\
 +stein sich nur einzufügen vermag, wenn er geschliffen ist.
 +
 +*
 +
 +Die Selbstbeherrschung ist der Geselligkeit, was die Selbst-\\
 +erkenntniß der Weisheit ist.
 +
 +*
 +
 +Warum man über Geschmacksfragen nicht streiten soll? — Weil\\
 +man dabei stets Gefahr läuft, grob zu werden.
 +
 +*
 +
 +Wo die Argumente fehlen, nimmt der rohe Mensch zu den\\
 +Fäusten, der Gebildete zum Spott seine Zuflucht.
 +
 +*
 +
 +Ein guter Witz vermag an der rechten Stelle viel zu nützen, an\\
 +der unrechten jedoch noch mehr zu verderben.
 +
 +*
 +
 +Durch die Geselligkeit werden die scharfen Ecken und Kanten,\\
 +welche das Leben bildet, zwar nicht beseitigt, aber doch verborgen.
 +
 +*
 +
 +Es ist der größte Fehler mancher Autoren, daß sie es nicht\\
 +verstehen, rechtzeitig zu schließen.
 +
 +**Wien.** \\
 +**Friedrich Hitschmann.**
  
  
friedrich_hitschmann_-_gedanken_ueber_die_gesellschaft.1780090120.txt.gz · Zuletzt geändert: 2026/05/29 21:28 von Daniel Schönfeld

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